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«Tamilen sollen Dialog entfachen»
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In Belp wurde der geplante hinduistische Tempel verhindert – der Verein Aum Shakti kämpft jedoch weiter.

In der Belper Aemmenmatt kann der hinduistisch-tamilische Verein Aum Shakti seinen Tempel nicht bauen. Die Tamilen werden nun nach einem neuen Standort suchen – im Stillen, um erneuten Widerstand zu verhindern.

Mehr als ein Jahr lang hatte der Verein Aum Shakti an seinem hinduistischen Tempelprojekt, das in der Belper Aemmenmatt geplant war, gearbeitet. Doch dann kam in Belp Widerstand auf und der Belper Gemeinderat entschied sich kurzfristig, just jenes Stück Land zu kaufen, auf dem der Tempel geplant war – mit der Begründung, Belp müsse wieder über Landreserven verfügen, um «die bauliche Entwicklung besser steuern zu können», wie der Belper Gemeindepräsident Rudolf Neuenschwander (sp) sagte. Vor zwei Wochen bewilligte die Belper Bevölkerung stillschweigend den politisch brisanten Landkauf. Das Projekt der Tamilen war damit innert kürzester Zeit und ohne jeden politischen Widerstand vom Tisch (der «Bund» berichtete).

«Wir werden nicht locker lassen»

«Die Gemeinde wollte uns das Land wegkaufen», sagt Dinesh Zala, der das Bauprojekt leitet. Rechtliche Schritte habe man jedoch nicht gegen die Gemeinde eingeleitet, sondern gegen die Verkäuferin, die Mavena AG. Diese habe ihnen das Grundstück versprochen gehabt und die Verhandlungen plötzlich abgebrochen, sagt Zala. «Wer bezahlt uns jetzt die 200 000 Franken, die wir in die Projektierung investiert haben?» Die Mavena begründete den Schritt gegenüber dem «Bund» damit, Aum Shakti habe es unterlassen, den Kaufvertrag rechtzeitig zu unterschreiben. Laut Zala wurden die Verhandlungen jedoch wegen einer Projektänderung durch die Mavena verzögert.

«Wir sind nach wie vor am Land interessiert», sagt Zala. Man werde deshalb bei der Gemeinde anklopfen: «Wir werden nicht locker lassen.» Laut Neuenschwander hat die Gemeinde Belp jedoch «nicht im Sinn, das Land in nächster Zeit zu verkaufen». Eine Anfrage der Tamilen werde man aber prüfen.

Projekt war zonenkonform

Man habe auch bereits mit der Suche nach einem neuen Standort begonnen, sagt Zala. Wo, will er jedoch nicht sagen – man wolle verhindern, «dass dies noch einmal passiert». Künftig werde er eine Bestätigung der Gemeinde, dass sie nicht gegen den Bau vorgehen werde, verlangen. In Belp hatte er nur eine Bauvoranfrage gemacht, um sicherzugehen, dass das Projekt zonenkonform sei. «Die Antwort fiel positiv aus, doch nun wurde der Bau trotzdem verhindert.»

Ohne Dialog keine Integration

Auch in der Gemeinde Lyss, wo heute ein Teil des Vereins Aum Shakti zu regelmässigen Treffen und Gottesdiensten zusammenkommt, hat man für das Vorgehen der Gemeinde Belp wenig Verständnis: Sie verstehe zwar, dass sich die Belper bedrängt fühlten, sagt Ursula Lipecki, SP-Fraktionspräsidentin und Ko-Leiterin der Integrationsgruppe in Lyss. «Aber es ist sehr beleidigend für die Tamilen, wenn man das Thema nicht einmal diskutiert.» Es sei in einer Demokratie hoch problematisch, wenn eine Gemeinde die Leute einfach vor den Kopf stosse, ohne den Dialog zu suchen. «So findet keine Integration statt», sagt Ursula Lipecki – mit diesem Vorgehen, «einer Art Rassismus», werde das Problem vielmehr an eine andere Gemeinde abgeschoben.

«Jetzt Verbündete finden»

Es sei jetzt jedoch auch an den Tamilen selber, den Dialog aufzunehmen, statt sich als Opfer zu fühlen und sich zurückzuziehen, sagt Usula Lipecki: Sie hätten bisher in der Schweiz sehr versteckt gelebt, «nun wollen sie etwas von der Gemeinschaft Schweiz, also müssen sie sich mit der Gesellschaft, in der sie leben, auch auseinander setzen, sich öffnen und Verbündete finden».

In Lyss unauffällig

Viele Mitglieder von Aum Shakti seien in Lyss sesshaft, «ihr Anspruch auf einen Raum, wo sie ihre Religion ausüben können, ist deshalb legitim», sagt Lipecki. Der tamilische Verein falle in Lyss nicht negativ auf, bestätigt Gemeindepräsident Hermann Moser (fdp). Hier habe dieser noch keine Anfrage für einen Landkauf gemacht. Dass die Suche nach geeignetem Bauland auch in Lyss nicht einfach wäre, räumt Moser allerdings ein: «Unser Zonenplan hat keinen Platz für Kultusbauten vorgesehen.» Wenn jedoch eine Anfrage auf den Tisch läge, «müsste man dies prüfen», sagt Hermann Moser – bei der nächsten Ortsplanung werde die Gemeinde das Thema Kultusbauten jedenfalls mit Sicherheit diskutieren. Seiner Meinung nach sollten solche Bauten möglich sein, «sie sollten jedoch der Gemeindegrösse angemessen sein».

Tempel für die Göttin

Ein Kleinprojekt plant Aum Shakti allerdings nicht. Während sich der Verein – nach der Göttin benannt, die er anbetet – in der Gemeinde Lyss in einem kleinen Raum trifft, würde der Tempelneubau auch weiteren Vereinsgruppen zur Verfügung stehen: Geplant war in Belp ein Kubusbau mit einer kleinen Kuppel, in dem sich einmal wöchentlich 250 bis 300 Personen treffen würden. Während der Woche würden ausserdem vierzig bis fünzig Knaben und Mädchen in tamilischer Schrift, Sprache und Kultur unterrichtet.

Interview mit Mathias Kuhn, Assistent am Institut für öffentliches Recht der Universität Bern.

«Gemeinde ist keine Investorin»

«Bund»: Herr Kuhn, Sie sind Mitautor einer Studie über die «bau- und planungsrechtliche Behandlung von Kultusbauten». Wo liegen die Konflikte?

Mathias Kuhn: Das Hauptproblem ist, dass nur wenige Gemeinden Zonenpläne haben, die Kultusbauten zulassen. Vielen Gemeinden war beim Erlass ihrer Nutzungsordnungen nicht bewusst, dass hier ein raumrelevantes Bedürfnis besteht. Durch die Migration sind in den letzten Jahren viele Glaubensgemeinschaften gewachsen. Diese Gruppierungen möchten nun neue Glaubensstätten errichten oder bestehende Gebäude umnutzen. In vielen Orten ist dies aber nicht möglich, da eine entsprechende Baute oft nur in Zonen für öffentliche Nutzungen zulässig ist. Dort ist jedoch meist kein Bauland vorhanden.

In Belp sind Kultusbauten in Gewerbe- und Arbeitszonen noch nicht verboten. Verhindert wurde das Projekt der Tamilen trotzdem.

Es ist sehr schade, wenn eine fortschrittliche Gemeinde wie Belp einen Schritt zurück macht. Andere Gemeinden, etwa die Stadt Bern, gingen in eine andere Richtung: Hier wurden Zonen so definiert, dass Kultusbauten möglich sind. Aber gerade weil dies in den meisten Gemeinden noch nicht der Fall ist, ist es verständlich, dass die Gemeinde Belp eine Ballung befürchtet, nachdem sie schon der serbisch-orthodoxen Kirche eine Baubewilligung erteilt hat. Es wäre jedoch ehrlicher gewesen, wenn sie dies offen kommuniziert hätte. Stattdessen wurde die Diskussion umgangen, um nicht mit dem Vorwurf der Ungleichbehandlung oder gar der Diskriminierung konfrontiert zu werden.

Hat Belp mit seinem Vorgehen die Glaubensfreiheit verletzt?

Nein. Es liegt kein unzulässiger Eingriff in die Glaubens- und Gewissensfreiheit vor, wenn Kultusbauten in bestimmten Zonen verboten werden. Es ist gerade der Sinn der Nutzungspläne, dass nicht überall alles gebaut werden kann. Massagesalons, Friedhöfe oder Kehrichtverbrennungsanlagen sind auch nicht überall zulässig. Problematisch ist allerdings Belps Vorgehen: Das Instrument zur Steuerung der baulichen Entwicklung ist die Ortsplanung. Eine Gemeinde hat jedoch nicht die Funktion, als Investorin aufzutreten und mit einem Landkauf direkt in die freie Marktwirtschaft einzugreifen, ohne dass ein klares Bedürfnis – etwa für den Bau eines Schulhauses – vorhanden ist.

Der Verein Aum Shakti wird nun einen neuen Standort suchen. Beginnt für ihn damit ein Spiessrutenlauf durch die Gemeinden?

Man sollte das Thema in einen politischen Prozess einbringen und nicht auf kommunaler Ebene, sondern regional oder kantonal angehen. Auf Gemeindeebene sind die politischen Hürden riesig. Für die Integration dieser Gruppen ist es jedoch wichtig, dass sie ihre Religion ausüben können. Der Kanton könnte den Gemeinden im Richtplan den Auftrag geben, Kultusbauten zu ermöglichen. Er könnte das Platzproblem auch besser koordinieren. Denn viele Glaubensgemeinschaften haben ein grosses Einzugsgebiet: Die Mitglieder kommen von weit, um sich an einem Ort zu treffen.

Text und Interview: Manuela Ryter

Dieser Artikel erschien am 29. September 2007 im "Bund".

«Tempel wird verhindert»
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Der Landkauf der Gemeinde Belp wirft Fragen auf – Tamilen fühlen sich schikaniert.

Der tamilische Verein, der in Belp einen Tempel plant, habe seine Chance verpasst, sagt der Gemeinderat von Belp, der diese Parzelle nun erwerben will. Die Tamilen fühlen sich jedoch von der Gemeinde und der Mavena schikaniert.

Gemäss Botschaft des Gemeinderates zur Gemeindeversammlung vom nächsten Donnerstag ist der geplante Landkauf in der Aemmenmatt ein trockenes Geschäft: Für 2,4 Millionen Franken will er dort eine Parzelle kaufen, um künftig wieder besser steuern zu können, wer sich in Belp ansiedelt und wer nicht. Anders als die Botschaft vermuten lässt, ist das Geschäft jedoch brisant: Denn es handelt sich um genau jenes Land, das ein hinduistisch-tamilischer Verein kaufen will, um dort ein religiöses Zentrum zu bauen. Und spätestens seit den Kontroversen um die Baubewilligung der serbisch-orthodoxen Kirche in der Aemmenmatt erhitzt das Thema Sakralbauten in Belp die Gemüter. So haben die bürgerlichen Parteien im Juni vom Gemeinderat gefordert, weitere religiöse Zentren in Belp zu verhindern. Als «guter Schachzug» wurde denn auch das Vorgehen des Gemeinderats beurteilt, dieses Geschäft über die Bühne zu bringen, ohne das Thema Sakralbauten anzuschneiden («Bund» von gestern). Obwohl inoffiziell bestätigt wird, dass der Gemeinderat das Land bewusst mit der Intention kauft, das Tamilenprojekt zu verhindern, hält Gemeindepräsident Rudolf Neuenschwander an seiner Aussage fest, der Landkauf habe nichts mit dem Projekt der Tamilen zu tun. Diese hätten es verpasst, das Land zu kaufen, und kaum Interesse gezeigt.

Fazit: Aussage gegen Aussage

Dinesh Zala von der Archimm AG, der das Tempelprojekt des tamilischen Vereins Aum Shakti leitet, gerät in Rage ob solcher Aussagen. «Wir sind nach wie vor am Land interessiert», sagt er. Es habe zwar eine Verzögerung gegeben, doch die habe verschiedene Gründe. Für ihn sei klar: Die Gemeinde wolle den Tempel verhindern, nachdem sie gegen die serbisch-orthodoxe Kirche nichts habe unternehmen können.

Im Frühling 2006 habe er zum ersten Mal Kontakt mit der Firma Huber und Ploerer, die im Auftrag der Mavena für den Verkauf des Landes zuständig war, Kontakt aufgenommen, sagt Zala. Man habe daraufhin die sechs zum Verkauf stehenden Baufelder unter den Interessenten aufgeteilt. Im Dezember habe er bei der Gemeinde eine Bauvoranfrage eingereicht, «weil wir sahen, welche Probleme die serbisch-orthodoxe Kirche hatte – dies wollten wir vermeiden». Im März 2007 erhielt Zala von der Gemeinde eine positive Antwort – gemäss Baureglement sind Sakralbauten in der Industrie- und Gewerbezone nicht verboten. «Die Gemeinde verlangte jedoch, dass wir das Gebäude anders platzieren», sagt Zala – dafür habe man wiederum mehr Boden und Geld benötigt. Im April hatte Suresh Selavartnan von Aum Shakti gegenüber dem «Bund» gesagt, man werde das Baugesuch in Kürze einreichen. Im Mai habe er von Huber und Ploerer den neuen Kaufentwurf erhalten, sagt Zala. «Danach sagte uns die Firma, ein neuer Interessent sei an einem Teil unserer Parzelle interessiert» – man sei bereit gewesen, das Projekt erneut zu ändern. «Wir wollten nicht stur an unserer Parzelle festhalten.»

Dies sei ihnen nun zum Verhängnis geworden, sagt Zala – denn die Änderung erforderte wiederum einen neuen Vertrag, «doch der ist nie bei uns angekommen». Stattdessen habe er erfahren, dass die Gemeinde das Bauland kaufen wolle. Huber und Ploerer hätten gesagt, dass sie von der Mavena die Weisung erhalten hätten, jegliche Kaufverhandlungen zu sistieren.

«Tamilen selber schuld»

Letzteres wird von Arnold Muri, Geschäftsführer der Huber und Ploerer Immobilien AG, bestätigt. Mehr wollte er zu den Verhandlungen nicht sagen. Mit der Gemeinde habe die Mavena AG selbst verhandelt. Die Mavena sei interessiert, das Grundstück zu verkaufen, hiess es gestern von Seiten der Firma. Die Tamilen hätten ihre Chance, den Vertrag zu unterschreiben, jedoch nicht wahrgenommen und seien deshalb «selber schuld», dass ihnen nun jemand zuvorkomme: «Uns spielt es keine Rolle, an wen wir verkaufen – der Schnellere erhält den Zuschlag.» Und die Gemeinde war schnell: «Sie entschied sich sehr kurzfristig, dass sie das Land kaufen will.» Ausserdem sei es im Interesse von Mavena, wenn gleich alle drei verbliebenen Baufelder dem gleichen Käufer verkauft würden.

«In Schweiz gilt Religionsfreiheit»

«Wenn die Gemeinde wirklich Bauland braucht, weshalb hat sie sich dann nicht vorher gemeldet?», sagt Zala. Bis sie gekommen sei, sei der Landkauf nie in Frage gestanden. «Jetzt stehen wir mit abgesägten Hosen da.» Für die Tamilen sei dies niederschmetternd: «Wenn unser Projekt in Belp scheitert, wird es auch an anderen Orten scheitern.» Denn das Vorgehen des Gemeinderates sei klar gegen die Tamilen gerichtet.

Der Verein Aum Shakti, der sich heute in Lyss trifft, plante in der Aemmenmatt einen Kubusbau mit einer kleinen Kuppel. «Von aussen sieht man nicht, dass dies ein Tempel ist», sagt Zala. Schliesslich habe auch das Bundeshaus eine Kuppel. 40 bis 50 Kinder würden hier in tamilischer Schrift, Sprache und Kultur unterrichtet, und einmal wöchentlich gebe es einen Anlass mit 250 bis 300 Personen. Vorgesehen seien 80 Parkplätze. Und: «Für Belp gäbe es 15 neue Arbeitsplätze», sagt Zala. Tamilen seien seit Jahren gut integriert in der Schweiz, viele seien eingebürgert – «da muss man ihnen auch die Freiheit geben, ihre Kultur auszuüben». Schliesslich gelte in der Schweiz Religionsfreiheit – da gehe es nicht an, dass eine Gemeinde versuche, ein religiöses Zentrum zu verhindern, sagt Dinesh Zala.

KOMMENTAR

Fragwürdiges Vorgehen

Belp will in seinen Industriezonen Firmen und Unternehmen ansiedeln, die Arbeitsplätze schaffen und Steuern bezahlen. Das ist nachvollziehbar und legitim. Ein religiöses Zentrum leistet weder das eine noch das andere. Das Vorgehen des Belper Gemeinderats, das zumindest indirekt den Bau des tamilischen Tempels und Kulturzentrums des Vereins Aum Shakti in der Aemmenmatt verhindert, wirft jedoch Fragen auf.

So fällt der ungewöhnlich schnelle Entscheid just mit der Überweisung einer Motion zusammen, mit der die bürgerlichen Parteien eine «Ballung von Sakralbauten» in Belp verhindern wollen. Über diesen Hintergrund schweigt sich der Gemeinderat gegenüber der Bevölkerung jedoch aus, obwohl inoffiziell bestätigt wird, dass dieser das Tamilenprojekt mit dem Landkauf bewusst verhindern will. Einzelne Parteien werten dieses Vorgehen als «guten Schachzug». Er ist jedoch äusserst heikel: Denn indem der Gemeinderat so überstürzt in den freien Markt eingreift – und dies mit scheinbar guten Argumenten vertuscht –, setzt er sich dem Vorwurf aus, die Religionsfreiheit zu missachten.

Umso erstaunlicher ist es, dass sich keinerlei Opposition regt. Denn nun wäre es an den Parteien, der Exekutive auf die Finger zu schauen. Es mag sein, dass der geplante Tempel den Zonenplan «zweckentfremdet». Fakt ist jedoch, dass ein religiöses Zentrum in der Industrie- und Gewerbezone noch nicht verboten ist.

Text und Kommentar: Manuela Ryter

Dieser Artikel erschien am 8. September 2007 im "Bund".

Im Zauber der Fremde
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Fotos aus fernen Welten - das Völkerkundemuseum Burgdorf zeigt die Erinnerungen des Heinrich Schiffmann

Er war jung, reich, reiselustig und krank - und seine Leidenschaft galt der Fotografie: Der Burgdorfer Heinrich Schiffmann reiste mit seiner Kamera jahrelang «zur Kur» über die Weltmeere. Und kehrte mit Schachteln voller belichteter Glasplatten zurück. Die Fotos sind nun im Schloss zu sehen.

Heinrich Schiffmann, geboren 1872 am Kreuzgraben in Burgdorf. Unter dem linken Auge eine Narbe, auf dem Oberarm eine Tätowierung. Es ist ein Anker. Ein Seemannsanker. Aber «Henri» Schiffmann war kein Seemann, wie die Angaben in seinem Pass zeigen. Er war der Sohn einer betuchten Burgdorfer Kaufmannsfamilie. Er war jung und reiselustig. Und er war tuberkulosekrank - damals ein Todesurteil auf Zeit. Die Meeresluft werde ihm gut tun, rieten die Ärzte. Und so machte er sich 1892 als 20-Jähriger auf nach England und Norwegen, im Auftrag der Käseexportfirma seines Grossvaters, die er dereinst übernehmen sollte.

Im Dampfer reiste er später um die Welt, einmal gegen Westen, einmal gegen Osten. Er umschiffte Südamerika und fuhr nach Afrika. Er besuchte Jerusalem und Kairo, Tokio und die Falkland-Inseln. Im Gepäck hatte er stets zwei schwere Holzkoffer mit einem Fotoapparat und den zerbrechlichen Glasplatten, auf denen er seine Abenteuer verewigte. Und er sammelte Fotografien, Bücher, Dias und ethnographische Gegenstände - Souvenirs, mit denen er die Exotik der Fremde in die Heimat brachte. Er reiste, bis er 1903 auf einer Wanderung auf La Réunion, einer französischen Kolonie im indischen Ozean, erkrankte. Eine Erkältung. Oder Malaria. Er sollte sich nie mehr davon erholen. Doch seine vielen belichteten Glasscheiben blieben erhalten - ein Teil von ihnen ist nun im Museum für Völkerkunde im Schloss Burgdorf zu sehen.

Abenteuerlust und Pioniergeist

Mit seiner ethnographischen Sammlung, die Schiffmann in seinem Testament dem Gymnasium Burgdorf vermachte, legte der reiche Burgdorfer Weltenbummler den Grundstein für das heutige Völkerkundemuseum Burgdorf - 500 der insgesamt 4500 Objekte sind von ihm. Mit der Sonderausstellung «Auf Glas gebannt» wendet sich das Museum nun erstmals Schiffmann selbst zu.

Neben seinen eigenen Fotos und Dias sind auch gekaufte Studiofotos und Erinnerungen, Karten, seine Kameras und auch ein Guckkasten, mit dem man «dreidimensionale» Glasstereodias sehen konnte, zu sehen. «Dass ein Kaufmannssohn viel reiste, war keine Besonderheit - das gehörte zum guten Ton», sagt Ko-Museumsleiterin Katharina Meyer. Die Händler schickten ihre Söhne hinaus in die Welt, sie sollten Fremdsprachen lernen und «weltläufig» werden für die Arbeit im internationalen Handel. Aber dass einer eine Fotoausrüstung mit sich trug, war nicht alltäglich. Und aus Schiffmanns Fotos ist ersichtlich, dass er nicht nur des Handels oder der Tuberkulose wegen auf Reisen war, sondern auch aus Abenteuerlust und Pioniergeist.

Neffe hortete die Fotos

«Er war ,gwunderig’ und fasziniert von den Völkern. Die Geografie zu inhalieren, sie kennen zu lernen - das war sein Fanatismus», erzählt Alfred Guido Roth. Er ist der Neffe Schiffmanns, leitete während Jahren die Burgdorfer Käseexportfirma, die dieser hätte übernehmen sollen, und wohnt im selben Haus am Kreuzgraben, in dem Schiffmann geboren wurde. Und als promovierter Historiker hat er Schiffmanns Reisen näher unter die Lupe genommen: Er recherchierte und ordnete zusammen mit seinem Vater, dem Bruder Schiffmanns, die 1600 Papierabzüge, 800 Dias und 200 Stereodias, die er nun zum Teil dem Völkerkundemuseum übergeben hat. «Er ist mir lebendig vor Augen», sagt der 93-Jährige. Schiffmann sei ein Weltenbummler gewesen, «aber im Grunde war er ein armer Kerl, gezeichnet von seiner Krankheit».

Fotos der «Wilden» als Souvenir

Was Schiffmann auf seinen Reisen erlebte und was ihn an der Fremde anzog, lässt sich nur erahnen. Denn Tagebücher und schriftliche Dokumente hat er kaum hinterlassen. Doch seine Fotosammlung zeigt, wie er die Welt erblickte. Ein Segelschiff vor den Küsten Chiles. Der Blick auf das Deck der Drittklasspassagiere. Eine Marktszene in Syrien, eine bevölkerte Strasse in Guadeloupe, spielende Kinder in Tunesien, eine Brücke in Shanghai.

Die kitschigen Fotos, die er sich in den Hafenstädten dazukaufte, zeigen gestellte Szenen mit traditionellen Menschen. Sie zeigen die «Wilden» in den fernen Welten, tamilische Frauen mit nackten Brüsten und Chinesen mit langen Zöpfen. Bilder, die längst nicht der Realität entsprachen, die Schiffmann zu Auge bekam. «Sie zeigen das Traumbild vom Fremden, das die Europäer damals hatten: romantisch und zugleich primitiv.», sagt Katharina Meyer. Als Souvenirs seien solche Bilder besonders beliebt gewesen. Und mit solchen wollte Schiffmann nach Hause kehren. Denn schliesslich war er kein Seemann. Sondern ein betuchter Kaufmannssohn mit Entdeckergeist.

Text: Manuela Ryter

Dieser Artikel erschien am 4. Juli 2006 im "Bund".