«Ich liebe die Geschwindigkeit»

Mit feinsten Körperbewegungen bringt «Swiss Olympic Top Athlete» Martina Kocher ihren Rodel auf Geschwindigkeiten bis zu 140 Stundenkilometern. Und sie wird immer schneller: Die 25-jährige Bernerin kommt der Weltspitze mit jedem Rennen etwas näher.

Martina Kocher ist jung, hübsch und vor allem: schnell. Mit ihrem Rodel jagt sie mit weit über 100 Stundenkilometern den Eiskanal hinunter. Und wäre sie nicht Rodlerin geworden, dann wahrscheinlich Skirennfahrerin. Oder sie hätte sich dem Motorsport gewidmet. Denn: «Hauptsache schnell», sagt die 25-Jährige. So sei sie schon immer gewesen – ob im Rodel oder auf den Ski.

Auf dem Rodel muss Kocher mit kleinsten Bewegungen auf die Geschwindigkeit reagieren können: «Ich muss sie fühlen», sagt die Bernerin. Es sei ein «cooles» Gefühl, so schnell im Eiskanal unterwegs zu sein: «Man spürt den Druck in jeder Kurve und nimmt den Zug mit – ich kann die Geschwindigkeit richtig geniessen.»

«Immer so ehrgeizig»

Kocher sitzt in einem Stadtcafe in Bern. Sie liebe die Berner Innenstadt. Die Gassen und Lauben. «Ich könnte mir nicht vorstellen, an einem anderen Ort zu wohnen.» Dabei ist Martina Kocher immer auf Achse. Seit sie als 15-Jährige alles auf die Karte Sport setzte, lebt sie aus dem Koffer. Offiziell wohnt sie in Hinterkappelen bei Bern. Als Zeitsoldatin trainiert sie in Magglingen (siehe Kasten). Und seit 10 Jahren trainiert sie zusätzlich mit den deutschen Rodlerinnen im Militärsportzentrum in Oberhof in Deutschland. Und im Winter zieht sie von Rennen zu Rennen. Die Tage in Bern sind rar.

Am Tag zuvor flitzte Kocher an den Weltmeisterschaften in Turin auf den achten Rang, das zweitbeste Resultat ihrer Karriere. «Zuerst war ich enttäuscht», sagt sie, «im Training war ich überzeugt, dass der vierte bis sechste Rang drin liegt.» Aber eigentlich sei der achte Rang «ganz ok», sagt sie und fügt fast entschuldigend an: «Man ist halt immer so ehrgeizig.»

Kocher gegen Goliath

Im Rennzirkus kämpft Kocher gegen Goliath: die Deutschen, ihre Trainingskolleginnen und seit langem die Leaderinnen im Rodeln. Aber eigentlich kämpfe sie – im Gegensatz zu den restlichen Rodlerinnen – mit den Deutschen, nicht gegen sie, sagt die Start-Spezialistin: «Sie sind mein Team und meine Freundinnen, ich fiebere immer mit ihnen mit.» Allerdings mit einem klaren Ziel vor Augen: Sie eines Tages zu schlagen.

Diesem Ziel kommt Kocher immer näher. Im Training hat sie die Deutschen schon mehrmals geschlagen. Und im Januar zeigte sie am Weltcuprennen in Oberhof mit dem fünften Platz, dass man an der Spitze schon bald mit ihr rechnen muss. Technisch ist sie den Besten schon jetzt häufig überlegen. Wäre sie zehn Kilo schwerer, würde sie im Eiskanal schon lange wie in Juniorinnenjahren um die Podestplätze fahren. Denn eine perfekte Rodlerin ist gross, schmal und schwer. Kocher ist gross, schmal, aber sie ist ganz klar das Leichtgewicht unter den Rodlerinnen. Für eine gute Zeit muss sie besser fahren und darf sich weniger Fehler erlauben. Sie habe noch viel Potenzial, sagt Kocher. Und genau das sei ihr Antrieb, nicht die Medaillen: «Ich will mich stetig verbessern.» Bis Sotschi 2014 vergehen immerhin noch drei Jahre. Es wären ihre dritten Olympischen Spiele.

Karriere nur dank Zusammenarbeit mit deutschem Team

Für Kocher ist klar: Ohne das deutsche Team wäre sie nicht dort, wo sie heute ist. Dank des Engagements des Internationalen Rodlerverbandes übernehmen grosse Nationen Patenschaften für kleine Nationen – und trainieren sozusagen ihre Konkurrenz. Kocher, die das Zimmer jeweils mit Olympiasiegerin Tatjana Hüfner teilt, profitiert dank der Integration ins deutsche Team von perfekter Infrastruktur und Know-how. Denn in Deutschland ist Rodeln eine traditionell beliebte Sportart mit viel Ansehen. Es gibt viele Nachwuchsathleten und immer wieder Ausnahmetalente. Und wenn ein Talent entdeckt ist, kommt es schon im frühen Alter ins staatliche Fördersystem, welches «bis aufs Letzte ausgereizt wird», sagt Kocher: «Die Grundvoraussetzungen, damit ein Talent sich entfalten kann, sind vorhanden.»

Und dies ist im Rodelsport entscheidend. Denn ganz anders als im Bobsport, zu dem ein Sportler auch noch mit 25 wechseln kann, muss ein Talent bereits im Kindesalter voll aufs Rodeln setzen. Es brauche enormen Aufwand, um die Sensibilität, mit der der Rodel gesteuert wird, aufzubauen, sagt Kocher: «Ich zucke ganz leicht mit der Schulter und der Rodel reagiert.» Rodeln sei deshalb mit dem Skisport vergleichbar. Nur dass das Rodeln weniger gefährlich sei: «Bei uns fliegt bei einem Sturz nicht gleich alles durch die Gegend.» Das Handeln der Organisatoren vor dem tödlichen Unfall des Rodlers während den Olympischen Spielen in Vancouver sei «massiv fahrlässig» gewesen, sagt Kocher – die besten Athleten der Welt hätten schon lange im Vorfeld auf die Gefahr der zu schnellen Bahn hingewiesen und Verbesserungsvorschläge erarbeitet. «Wir wurden jedoch ignoriert.»

Weinend in den Eiskanal

In der Schweiz ist Rodeln eine Randsportart. Zum Rodeln komme man nur durch Beziehungen, sagt Kocher. So war ihr Vater Bobfahrer und später Trainer der Rodler. Als sie neun Jahre alt war, nahm er sie mit an ein Rennen. Das aufmüpfige Mädchen forderte sogleich: «Ich will auch!» Und der Vater nahm sie ernst. Noch am gleichen Tag organisierte er eine Rodelfahrt für seine Tochter. «Als ich dann oben stand und in den Eiskanal hinuntersah, begann ich zu weinen und wollte nicht mehr», erzählt Kocher lachend. Doch der Vater akzeptierte den Rückzieher nicht, setzte sie in den Schlitten und liess los. «Noch während der Fahrt wichen die Tränen einem Strahlen», erzählt Kocher. Sie wollte mehr. Seither hatte sie im Eiskanal nie mehr Angst. Seither ist Rodeln ihr Leben.

Auch heute muss Kocher für ihre Karriere kämpfen. Während ihre Freundin Tatjana Hüfner «alles auf dem Silbertablett serviert bekommt» und in ihrem Alltag kaum Entscheidungen treffen muss, organisiert Kocher ihren Trainings- und Wettkampfalltag selbst. Auch in finanzieller Hinsicht. Dafür sei sie sich «die Belastung des Alltags gewohnt», sagt Kocher, die 2009 ihr Sportstudium abgeschlossen hat und seither in ihrer trainingsfreien Zeit wochenweise arbeitet. Diese Belastung sei auch ein Vorteil, sagt sie: «Ich werde nicht auf die Welt kommen, wenn ich nach meiner Sportkarriere ins Berufsleben einsteige.»

Mehr Unterstützung seit Vancouver 2010

Seit den Olympischen Spielen in Vancouver 2010 sei vieles einfacher geworden, sagt Kocher: «Ich spüre viel mehr Anerkennung aus der Schweiz.» Dank dem Olympiadiplom – in Turin 2006 hatte sie es um nur 18 Tausendstelsekunden verpasst – wird sie heute als «Swiss Olympic Top Athlete» finanziell unterstützt. Und der Schweizerische Bobsleigh-, Schlitten- und Skeletonverband hat jemanden angestellt, der ihr viel Organisatorisches abnimmt.

Ein weiterer Meilenstein ist für Kocher die 50-Prozent-Anstellung als Zeitsoldatin in der Schweizer Armee (siehe Kasten). Damit ist Kocher gewissermassen eine der ersten «Berufssportlerinnen» der Schweiz – ein Luxus, sagt sie. Denn schiessen und durch den Dreck robben musste sie nur während der Spitzensport-RS. Nun heisst Militär für sie Trainieren. Zum Glück, sagt sie, denn sie habe enorme Angst vor dem Schiessen, einzig einrücken müsse sie in Uniform. «Die RS war sehr ungewohnt – und trotzdem war ich am Schluss stolz, meine Angst überwunden zu haben.» 

Dieses Porträt erschien im Olympiablog von Swiss Olympic.

Text und Porträtbilder: Manuela Ryter