«Jungen Frauen fehlen die Vorbilder»

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Frauen in die Technik – das ist das Ziel der Mint-Klasse am Gymnasium Köniz-Lerbermatt, denn in der Forschung und in Firmen fehlt es an Fachkräften. Prorektorin und Projektleiterin Gabriele Leuenberger erklärt, wie sie junge Frauen für Technik begeistern will.

Frau Leuenberger, Sie sind Deutschlehrerin. Waren Sie als Kind an Glühbirnen und Motoren interessiert?

Gabriele Leuenberger: Ich weiss es nicht mehr. Als Mutter zweier Mädchen weiss ich jedoch, dass das Interesse an den Phänomenen der Natur bei allen Kindern vorhanden ist, nicht nur bei den Buben. Sie wollen alles ausprobieren und verstehen, sie bauen eine Seilbahn, ein Floss oder ein Bienenhotel. Diese kindliche Begeisterung für Technik muss  erhalten und gefördert werden, auch bei den Mädchen.

Die Zahlen sprechen aber eine klare Sprache: Nur 5 Prozent der technisch-naturwissenschaftlichen Lehrstellen werden von Mädchen besetzt. Auch am Gymnasium und im Studium sind Frauen in technischen Fächern stark untervertreten. Weshalb interessieren sich Frauen nicht für Technik?

Frauen interessieren sich für Technik! Aber sie interessieren sich vielleicht für  andere  Fragestellungen als Männer.

Wie erklären Sie sich dann, dass Frauen in technischen Berufen so stark untervertreten sind? 

Das hat eher mit den gesellschaftlichen Gegebenheiten denn mit den Interessen der Mädchen zu tun. Es gibt zu wenige Vorbilder für die jungen Frauen. Ausserdem  haben technische Berufe ein negatives Image, und Fächer wie Mathematik, Biologie, Chemie und Physik gelten bei vielen als anspruchsvoll und schwierig. Viele junge Frauen schätzen sich falsch ein und trauen sich zu wenig zu. Und umgekehrt werden Frauen in technischen Belangen nicht gleich akzeptiert wie Männer. Da braucht es Aufklärungsarbeit. Und Visionen.

Das Gymnasium Köniz-Lerbermatt hat eine Vision und eröffnet im Herbst 2013 eine Mint-Klasse – im Rahmen des kantonalen Projekts «Bildung und Technik» (der Bund berichtete). Zur Frauenförderung?

Nicht nur. Wir wollen zum einen jene jungen Männer ansprechen, die dem Gymnasium heute den Rücken kehren – der Frauenanteil am Gymnasium liegt bei 60 Prozent. Zum andern wollen wir junge Frauen für Mint-Fächer begeistern – sie sollen dadurch bei der Studien- und Berufswahl echte Wahlmöglichkeiten erhalten. Das ist Gleichberechtigung, doch die muss ihnen vorgelebt werden.

Wie will die Mint-Klasse das Interesse der jungen Frauen an Technik wecken?

Erstens, indem die Mint-Klasse auch andere Interessen zulässt, da die Schwerpunktfächer nach wie vor frei gewählt werden können. Eine vielseitig begabte Gymnasiastin kann also als Schwerpunkt Musik belegen und gleichzeitig in der Mint-Klasse sein. Zweitens, indem die Themen ganzheitlich und vernetzt bearbeitet werden. Das Gymnasium soll sich modernisieren und einen Bezug zur Welt herstellen, Bildung soll relevant und nachhaltig sein. Ich bin überzeugt, dass sich junge Frauen dann viel eher für Technik begeistern lassen.

Was heisst das konkret?

Die Mint-Klasse erhält zusätzliche Lektionen. In diesen sollen fächerübergreifend  Themen bearbeitet und erlebt werden, die einen Bezug zum Alltag und zum Leben haben. Beispielsweise das Thema Energie. Naturwissenschaft und Technik sollen als Abenteuer erlebt werden: Fragen sollen die Schüler motivieren, etwas zu entdecken und die Realität erlebend zu begreifen. Sie sollen möglichst viel selber erforschen, herausfinden und experimentieren. Und über   Werte nachdenken.

Über Werte?

Wird etwa das Thema Solarenergie behandelt, geht es auch um Werte: Was streben wir für eine Welt an? Was ist für uns lebenswert? Wo wollen wir hin?

Inwiefern werden mit einem solchen Unterricht vermehrt Mädchen angesprochen?

Unser Ansatz beruht auf Vernetzung. Dies erlaubt den Mädchen, Zugang zu jenen Fragestellungen zu finden, die sie interessieren und die im sonstigen Unterricht vielleicht zu kurz kommen. Und die Praktika ermöglichen ihnen, Vorurteile abzubauen und Vorbilder kennen zu lernen. Beispielsweise Frauen in der Forschung. Wir sind bereits mit der  Gleichstellungsbeauftragten der Universität Bern im Gespräch.

Müssen Frauen denn zwingend die  gleichen Berufe ausüben wie Männer?

Es gibt auch Studien, die belegen, dass Mädchen halt doch lieber mit Puppen spielen als mit Autos. Für mich ist dies nicht relevant für den  Lebenslauf einer Frau. Ein Mädchen kann mit Puppen spielen und sich trotzdem für Technik interessieren. Die Wirtschaft  braucht Fachkräfte im technischen Bereich, und wir haben das Potenzial der Frauen noch lange nicht ausgeschöpft. Das ist gesellschaftlich bedingt und sollte auch angegangen werden. Man weiss heute, dass ein  erhöhter Frauenanteil gewinnbringend ist für ein  Unternehmen. Es ist wichtig, dass Frauen nun auch dort arbeiten.

Ein Maschinenbaubetrieb, der fast nur Männer beschäftigt und weder Teilzeit-Pensen noch Lohngleichheit anbietet, ist für eine Frau aber nicht  sehr attraktiv. Wie stark ist hier auch die Wirtschaft gefordert?

Unternehmen müssen die Strukturen  anpassen und den Frauen einen Anreiz bieten. Eine Frau soll die Vorteile sehen, bei einem Unternehmen zu arbeiten – sie soll nicht zuerst allen Nachteilen nachgehen müssen. Und sie muss sich  akzeptiert fühlen.

Der Kanton Bern hat nun die Initiative ergriff en. Wird nicht bereits heute zu viel in die Bildung hineingeredet?

Es ist wichtig, dass Bund und Kantone die Stossrichtung angeben und solche Projekte unterstützen. Nur so kann das öffentliche Bewusstsein verändert werden: Es braucht eine positive Grundeinstellung gegenüber der Technik und den  Willen, das Problem nun anzupacken. Das kostet aber Geld, und dieses muss nun zur Verfügung gestellt werden.

MINT - Novum im Kanton Bern

Die Mint-Klasse (Mint steht für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) am Gymnasium Köniz-Lebermatt – die erste im Kanton Bern – startet 2013. Vorgesehen sind zwei zusätzliche Lektionen pro Woche sowie Praktika in Unternehmen und Wissenschaft. Informationen: www.koeniz-lerbermatt.ch

Dieses Interview erschien am 22. Oktober im "Bund".