Immer mit einem Lächeln auf den Lippen

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WANDERGESELLEN AM GURTENFESTIVAL

Zwei Zimmermänner «auf der Walz» machten auf dem Gurten halt: Rolandsbruder Beat Lampart und Freiheitsbruder Ivo Tognella packten beim Aufbau des Festivals hart an - und geniessen nun zwischen den anfallenden Arbeiten die ausgelassene Festivalstimmung.

Stolz und mit einem immerwährenden Lächeln auf den Lippen bahnen sich zwei Wandergesellen einen Weg durch die Menschenmassen auf dem Gurtengelände. Wie immer tragen sie ihre grossen schwarzen Hüte, die schwarzen Schlaghosen aus Kord und die schwarze Weste über dem weissen kragenlosen Hemd. Und wie immer fallen sie auf. In ihrer schwarz-weissen Kluft stechen sie aus der farbig-hippen Festivalmenge hervor, als wären sie die Stars auf dem Gurten. «Hei, bisch du ä geile Siech», ruft ein leicht torkelnder Festivalbesucher beim Vorübergehen Ivo Tognella zu, der seit einem halben Jahr als Fremder Freiheitsbruder auf Wanderschaft ist. «Ich weiss», ruft er zurück und lacht leise vor sich hin.

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Die zwei Zimmermänner sind nicht wegen der Musik auf dem Gurten. Oder besser gesagt: nicht nur deswegen. «Wir sind zum Arbeiten hier», erklärt Beat Lampart aus Römerswil im Kanton Luzern, aber ein bisschen Spass müsse schon sein, das gehöre zum Wanderleben. Der 23-Jährige gehört der Gesellenvereinigung der Rolandsbrüder an, auch Schacht genannt. Im deutschsprachigen Raum existieren etwa acht solcher Vereinigungen, in die eintritt, wer auf Wanderschaft gehen will. «Die Rolandsbrüder gibt es seit 1891», sagt Lampart nicht ohne Stolz. Und dieser gehört zur Wanderschaft wie die so genannte Ehrbarkeit, eine farbige Krawatte und der obligate Ring im Ohr.

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Seit fast einem Jahr ist Beat Lampart unterwegs: Er arbeitete längere Zeit in Deutschland und Österreich, reiste durch die Schweiz bis nach Toulouse und landete letzten Dienstag nach einem kürzeren Aufenthalt in England und Deutschland auf dem Gurten. «Alles, was auf dem Festivalgelände aus Holz ist, wurde von uns und ehemaligen Wandergesellen angefertigt», sagt Lampart. In strömendem Regen hätten sie letzte Woche gearbeitet: «Kleider und Schuhe waren immer durchnässt», erzählt sein Kollege Ivo Tognella. Auch der nasse Boden sei tückisch gewesen, etwa beim Aufbau der Böden für die Dusch- und Toilettencontainer in der schrägen Sleeping-Zone.

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Mindestens drei Jahre und einen Tag dauert die Wanderschaft der Handwerker. «Manchmal erscheint mir die Zeit fast zu kurz», erzählt Lampart - bei all den Plänen, die er noch hege. Bereits im Mittelalter war es Brauch, dass Zimmerleute von Baustelle zu Baustelle reisten. Sesshaft wurden sie erst später. Heute sind weltweit etwa 600 Wandergesellen unterwegs. «Wir dürfen überall hin, nur nicht nach Hause», sagt Ivo Tognella aus Thayngen im Kanton Schaffhausen. Das sei extrem hart - vor allem, wenn man der Heimat so nah sei wie jetzt auf dem Gurten.

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«Unbefleckt» müssen die Gesellen sein, wenn sie auf Reisen gehen: Unter 27-jährig, ledig, kinderlos, schuldenfrei - und trinkfest: «Wir sind keine Kinder von Traurigkeit», schmunzelt Beat Lampart. «Aber unser Ziel ist es, gute Arbeit zu verrichten - wir haben einen Ruf zu verteidigen», betont er. Und wahrhaftig: «Es ist unglaublich, wie schnell und professionell die Wandergesellen ihre Arbeit verrichten», schwärmt Matthias Kuratli, Medienchef des Gurtenfestivals. Die «Fremden Brüder», die Cowboys unter den Handwerkern, ziehen von Zimmerei zu Zimmerei. Nicht hoch zu Ross, sondern auf Schusters Rappen oder per Autostopp. Ihr Hab und Gut für drei lange Jahre tragen die Gesellen im Charlottenburger, liebevoll «Charlie» genannt. Geradezu winzig klein erscheint das Bündel neben den aufgetürmten Rucksäcken der aufs Gelände strömenden Festivalbesucher.

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Mit den von der Arbeit zerfurchten Händen zieht Beat Lampart seinen Hut etwas tiefer ins Gesicht und schaut nachdenklich - oder gelangweilt? - in das Treiben hinter den Kulissen. Sein Kamerad Ivo spricht derweil jedes annähernd hübsche Mädchen an und lässt sich genüsslich seinen spontan von der Tracht befreiten Rücken mit Sonnenmilch einmassieren. Sunnyboymässig schief sitzt sein Hut auf dem Kopf und flirtend ist sein Blick: «In jedem Städtchen ein Mädchen», etwa so lautet sein Spruch zu diesem Thema.

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Ivo Tognella kam eigens wegen des Gurtenfestivals in die Schweiz. «Es ist spannend, hinter die Kulissen zu blicken», sagt er. Nächstes Jahr will er wiederkommen: woher ist ungewiss. Unbekümmert und zufrieden schaut er in die Zukunft: «Es kann nur (noch) besser werden», findet er und mischt sich wieder unter die bunte Masse - immer mit einem Lächeln auf dem Gesicht.

Text: Manuela Ryter

Dieser Artikel erschien am 17. Juli 2004 im "Bund".