Zeichnerin der Angeklagten

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Gerichtszeichnerin Angela Zwahlen hält mit Bleistift und Papier Prozesse fest und gibt so auch Verbrechern ein menschliches Gesicht

Mit klaren Strichen und scharfen Konturen vermitteln Angela Zwahlens Zeichnungen den Zeitungslesern ein Bild aus dem Gerichtsaal. Ob Mörder oder Betrüger - die Bernerin zeichnet keine Monster, sondern ganz normale Menschen.

Angela Zwahlens letzte Zeichnungen aus dem Gerichtssaal sind noch präsent: Vier Jugendliche sitzen zwischen Polizisten auf ihren Stühlen und warten mit gesenktem Blick auf ihr Urteil - es sind die vier Postgasse-Täter, die im Mai 2003 in Bern einen wehrlosen Mann zusammenschlugen und schwer verwundet auf der Strasse liegen liessen. Ihre Gesichtsausdrücke, ihre Körperhaltung, ja gar kleinste Details ihrer Kleidung sind fein und präzise mit Bleistift festgehalten. Die Zeichnungen zeigen sie als normale Jugendliche. Sie sehen nicht aus wie brutale Schlägertypen, die mit den Schuhen auf den Kopf des Opfers eintraten und danach mit blutigen Kleidern in einer Bar auf die Tat anstiessen, während der Mann um sein Leben rang.

«Die meisten Täter sehen aus wie ganz normale Menschen», sagt Angela Zwahlen. Während wichtiger Prozesse sitzt sie für den «Bund» im Gerichtssaal und macht Verhandlungen «sichtbar», denn Fotografieren ist in Gerichten nicht erlaubt. Vielleicht lösen ihre Zeichnungen beim Betrachter gerade deshalb so viele Emotionen aus, weil sie nicht jene Monster darstellen, die man erwartet, sondern ganz normale Menschen. «Ich versuche, präzise zu zeichnen, denn ich will auch den Angeklagten gerecht werden. Ich will keine Täterprofile oder Karikaturen zeichnen - es ist nicht meine Aufgabe, jemanden zu verurteilen.»

Mitleid und Grauen

Die Bernerin Angela Zwahlen sitzt in ihrem Loft in Biel, das ihr und ihrem Partner als Atelier und Wohnraum dient. Neben ihrem weissen Arbeitstisch sind Farben und Maltuben ordentlich zusammengestellt, und auf dem Fenstersims stehen kleine, farbig gemalte Porträts von Wirtschaftsleuten - ein Auftrag für ein Wirtschaftsmagazin, erklärt Zwahlen. Seit sechs Jahren zeichnet die freischaffende Illustratorin auch im Gericht. «Die Arbeit fasziniert mich - ich beobachte und zeichne Menschen, die ich nicht kenne, und bekomme ihre Taten, aber auch ihre Lebensgeschichten mit», erzählt die 36-Jährige. Mitleid für Angeklagte, aber auch Grauen vor ihren Taten vermischten sich dabei häufig.

Angela Zwahlen sitzt oft stundenlang im Saal, in nächster Nähe der Angeklagten, beobachtet, skizziert und zeichnet. Zum Teil sei es ein langweiliges Prozedere, sagt sie. Viele Prozesse gingen ihr jedoch sehr nah. Manchmal zu nah, dann helfe nur noch Oropax: «Zum Teil erzählen sie grauenhafte Geschichten, schildern Details von einem Mord oder einem Sexualverbrechen. Dann wird mir unwohl, und ich ziehe mich zurück, sonst wird die Zeichnung ungenau und schlecht.»

Verkleidete Angeklagte

Zwahlen erzählt von ihren Erlebnissen bei den Prozessen, verschiedene Zeichnungen liegen verstreut vor ihr auf dem Tisch - sie zeigen gleichgültige Betrüger, nachdenkliche Mörder, unschuldig blickende Sexualverbrecher, aber auch Polizisten, Anwälte und Richter. «Manchmal frage ich mich, was sie wohl denken, wenn ich sie stundenlang beobachte und zeichne», sagt sie. Einige bemerkten sie gar nicht, anderen sei es sichtlich unangenehm. «Einmal begann ein Angeklagter plötzlich, mich abzuzeichnen», erzählt sie und zeigt auf die Zeichnung eines Mannes in Fussfesseln, der im Prozess von Damaris Keller vor Gericht stand. «Bei diesem Spielchen wurde mir unheimlich.» In einem anderen Prozess hätten angeklagte Polizisten Perücken und Brillen getragen. «Ich bemerkte erstaunt, dass die sich meinetwegen verkleideten, aus Angst, man könne sie auf den Zeichnungen erkennen.» Seither zeichne sie alle Polizisten im Gericht anonym und linear.

Interpretation der Wirklichkeit

Sie glaube allerdings nicht, dass man die abgebildeten Leute aufgrund der Zeichnungen wiedererkenne, sagt Zwahlen - auch wenn sie die Leute so naturalistisch wie möglich darstelle. «Sie sollen sich ähnlich sein. Aber eine Zeichnung ist nicht wie ein Foto - sie ist eine Interpretation der Wirklichkeit.» Eine Zeichnung sei auch keine Momentaufnahme, sondern entstehe fliessend - zwei bis drei Stunden arbeitet Zwahlen jeweils daran.

Dabei achtet sie besonders auf Klarheit und Präzision - auch Details wie Kleider, Uhren oder Frisur seien ihr wichtig, sagt Zwahlen. Hier kommt ihr die frühere Arbeit in einem Zeichentrickfilmstudio zugute. Auch wenn Zwahlen mit Strichen, Flächen und Konturen spielt - als Kunst bezeichnet sie ihre Gerichtszeichnungen nicht. Kunst brauche mehr Freiheit, sagt sie. Ein Anwalt sah das anders: Er fand ihre Zeichnungen vom Prozess gegen Werner K. Rey - ihrem ersten Prozess - so toll, dass er ihr die Originale gleich abkaufte.

Text: Manuela Ryter

Dieses Porträt erschien am 11. Oktober 2005 im "Bund".