«Gute Leute finden wir auch im Süden»

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Welche Qualifikationen sind auf dem Stellenmarkt der Internationalen Zusammenarbeit gefragt? Welche Stellen gibt es in diesem Bereich überhaupt? Diese Fragen sind am Samstag am «forum cinfo» in Biel diskutiert worden.

Als fände ein grosses Konzert statt, strömten die Menschen am Samstag vom Bahnhof Biel Richtung Kongresshaus. DerAnsturm auf das «forumcinfo», die Messe zur Arbeit in der Internationalen Zusammenarbeit (IZA), war auch dieses Jahr gross. Für die IZA zu arbeiten, gilt für viele als Traumjob: Man tut etwas Sinnvolles und kann im Kleinen vielleicht sogar di eWelt verbessern, man setzt interessante Projekte um, lebt zeitweise im Ausland, setzt sich mit fremden Kulturen auseinander und lernt die globalen Zusammenhänge kennen. So jedenfalls sieht das gängige Bild des Traumjobs in der IZA aus. 

Vielfältiges Stellenangebot

Als die Messetore geöffnet werden, verteilen sich die Leute auf die vielen Stände auf drei Stockwerken; einige sichern sich sogleich einen Platz in den Räumen, wo Referate, Podiumsdiskussionen und Erfahrungsberichte gehalten und Videoprogramme gezeigt werden, die die Tendenzen im Berufsbild der IZA darstellen und den Newcomern Tipps für den Einstieg geben. Die knapp 1000 Besucher sind denn auch hier, um sich über die Arbeit in der IZA ein profunderes Bild zumachen, sich über potenzielle Arbeitgeber zu informieren und Kontakte zu knüpfen. Jung, dynamisch und engagiert sehen sie aus – und auffallend viele von ihnen sind Frauen.

Schnell wird den Gästen klar: Ob eineStelle in Genf, Washington oder Südamerika, ob als Programmverantwortlicher bei einer NGO, als Analyst bei der Weltbank oder als freiwilliger Arzt in Afrika – die Stellen sind so vielfältig wie die IZA selbst. Grundsätzlich werden unter diesem Begriff die Entwicklungszusammenarbeit (EZA), die Humanitäre Hilfe, die Entwicklungspolitik sowie die Friedensförderung und Menschenrechtspolitik zusammengefasst, deren Vertreter sich an den Ständen präsentieren.

Die verschiedenen Organisationen unterscheiden sich in ihren Aktivitäten stark voneinander, ihr Ziel aber ist dasselbe: die Lebensbedingungen in den Ländern des Südens und Ostens zu verbessern. Und gerade dieses Ziel scheint die Stellen in der IZA so begehrenswert zu machen.

«Macher» sind nicht mehr gefragt

Ausser bei Zivildienst- und Freiwilligeneinsätzen sind die Anforderungen an die potenziellen Mitarbeiter sehr hoch. Die Caritas beispielsweise erwartet von ihren Delegierten einen Hochschulabschluss, mehrjährige Berufs- und Auslanderfahrung, Vertrautheit mit dem Einsatzkontinent und Sprachkenntnisse. Ausserdem setzt sie «viel Lebenserfahrung», Freude am interkulturellen Austausch und das «erfolgreiche Überwinden von Schwierigkeiten» voraus. Handwerker, Lehrer oder Förster, die nach Afrika reisen, um dort Bäume zu pflanzen, Brunnen zu bauen oder zu unterrichten, sind heute nicht mehr gefragt.

Viele Bewerber für wenig Stellen

«Gute Leute finden wir auch in den Ländern des Südens», sagt Daniel Ott, der lange in Bolivien im Einsatz war und heute als Programmverantwortlicher für Swissaid arbeitet. Dieser Trend, die Menschen in den betroffenen Ländern stärker einzubinden, hat zur Folge, dass es im Westen immer weniger Stellen in der IZA gibt. Der Arbeitsmarkt werde austrocknen, sagt Ott.

Heute seien deshalb hohe fachliche und soziale Kompetenzen sowie interkulturelle Sensibilität und hohe kommunikative Fähigkeiten gefragt: «Es braucht Leute, die systematisch Denken und ihr Wissen weitergeben können.» Es brauche nicht mehr in erster Linie Spezialisten, sondern Generalisten für Programmführung, Konzeptarbeit, Wirkungsanalyse, Politdialoge und Öffentlichkeitsarbeit. Dies gilt auch für Jobs mit Arbeitsplatz in der Schweiz, denn diese werden in den meisten Fällen an Leute, die von einem Auslandseinsatz zurückkehren, vergeben.

«Wir raten den Interessenten, sich zu überlegen, wie sie ihre Qualifikationen in unsere Projekte einbringen könnten», sagt Walter Leissing von der Helvetas. «Sie sollen uns Ideen bringen. Das gibt uns Inputs und zeigt, dass sie engagiert, interessiert und initiativ sind.» Er habe während des Forums sehr viele Anfragen erhalten. «Wir brauchen Leute mit Berufserfahrung – die haben aber die wenigsten.»

Auch Daniel Ott empfiehlt den Einsteigern, flexibel zu sein und sich zu öffnen, statt verbissen ein Praktikum nach dem anderen in der IZA zumachen. «Sie sollen zuerst etwas anderes machen und sich qualifizieren.» Die Fachrichtung spiele dabei nur eine untergeordnete Rolle. Die Alternative zum Berufsweg ist eine Weiterbildung wie etwa das zweijährige Nachdiplomstudium für Entwicklungsländer (Nadel) an der ETH Zürich.

Jörg Frieden, Vizedirektor der Deza, ordnete den Job in der IZA in seinem Referat in den globalen Kontext ein. Gerade die Veränderung der Entwicklungszusammenarbeit (EZA) verändere auch das Berufsprofil, sagte Frieden: Neue, gemeinsame Visionen der Geberländer wie die Pariser Erklärung, der wachsende Einfluss neuer Geber wie China oder private Stiftungen gäben der EZA eine neue Stossrichtung. Heute könnten die industriellen Länder nicht mehr diktieren, in welche Richtung es gehe – es seien viel mehr Menschen eingebunden und die Ziele seien komplexer geworden. «Wir brauchen heute globale Lösungen.»

Gerade der Wissensaustausch werde in der IZA deshalb immer bedeutender, sagt auch Frieden: «In Zukunft wird das technische Profil immer wichtiger: Wir brauchen in der Deza keine Generalisten mehr, sondern immer mehr Spezialisten.» Gefragt sind heute etwa Klimaspezialisten. 

Grosse internationale Konkurrenz

Umden Traumjob in der IZA zu finden, braucht es enorm viele Qualifikationen und ein Quäntchen Glück. Denn die Konkurrenz ist international, und gute Leute gibt es viele. Doreen Cross von der Uno-Organisation UNFPA erhielt im vergangenen Jahr für 90 Stellen 15 000 Bewerbungen. «Es ist sehr schwierig einzusteigen»,sagt sie. Trotzdem  werben die Internationalen Organisationen in der Schweiz um mögliche Kandidaten: «Wir wollen, dass sich die Diversität unseres Arbeitsfeldes in unseren Mitarbeitern widerspiegelt», sagt Daniel Tytiun, Direktor der African Develop Bank.

Ausserdem ist die Schweiz als Land mit französischsprachigen Kandidaten, die insbesondere in afrikanischen Ländern gefragt sind, für Internationale Organisationen interessant.

[@] INFORMATION und Beratung zur Arbeit in der IZA unter www.cinfo.ch.

Porträt 1:

«Man macht etwas Sinnvolles»

Der Soziologe Daniel Ott Fröhlicher (43) war für sieben Jahre in Bolivien tätig.

Sieben Jahre lang arbeitete Daniel Ott in Bolivien. Zuerst beriet er im Auftrag von Interteam Biobauern und eine indigene Organisation in strategischer Planung, Organisationsentwicklung und politischem Lobbying. Anschliessend koordinierte er das Programm des Deutschen Entwicklungsdienstes in Bolivien mit. «Ich begann mich schon während meines Soziologiestudiums fürs Thema zu interessieren», sagt Ott. Während eines Studienjahrs in Mexiko kam er mit der Entwicklungszusammenarbeit in Kontakt. «Ich konnte mir gut vorstellen, in Lateinamerika zu leben.» Nach dem Uni-Abschluss habe er sich schliesslich für den Berufsweg und gegen ein Nachdiplomstudium entschieden und einen Job im Erziehungsdepartement des Kantons Basel angenommen. «Ich habe mir dabei viele Kompetenzen angeeignet und auch kommunikative Fähigkeiten erworben»,sagtOtt. Nach fünf Jahren schliesslich suchten Ott und seine Partnerin den Einstieg in die IZA und knüpften am «forum cinfo» Kontakte. Bald darauf traten sie dieReise nachBolivien an.

«InBolivien kamen zweiKinder»

«Die Arbeit in Bolivien war sehr spannend», sagt Ott rückblickend. Während andere aus familiären Gründen frühzeitig in die Schweiz zurückreisten oder Beziehungen im Ausland zerbrachen, war Bolivien für Ott auch in familiärer Hinsicht eine Chance: «In Bolivien kamen zwei Kinder – in der Schweiz hätten wir wohl keine Kinder gewollt», sagt Ott. In einer anderen Kultur beginne man plötzlich, seinen Lebensstil zu hinterfragen. Als der Vertrag mit Interteam auslief, suchte sich Ott ein neues Projekt.

«Wir kamen gerne zurück»

Letzten November sind Ott und seine Frau in die Schweiz zurückgekehrt, in erster Linie aus «rationellenÜberlegungen» hinsichtlich seiner und ihrer Karriere. «Wir kamen gerne heim», sagt Ott. Man schätze seine Wurzeln nie so sehr,wie wenn man längere Zeit im Ausland gelebt habe. Als «Glücksfall» bezeichnet er, dass er noch in Bolivien einen Job in der Schweiz fand. Als Programmverantwortlicher von Swissaid ist er heute von der Schweiz aus für das Koordinationsbüro in Nicaragua zuständig, wo acht lokale Angestellte die Swissaid-Projekte in Nicaragua koordinieren. Ott ist beispielsweise für die qualitative Prüfung der Projekte zuständig und direkter Ansprechpartner für die Mitarbeiter in Nicaragua. Ausserdem kümmert er sich um die Öffentlichkeitsarbeit und das Lobbying sowie die Akquisition neuer Geldgeber in der Schweiz. Ins Ausland reist er noch rund zweimal im Jahr.

Job als Herausforderung

«Die Arbeit an der Basis fehlt mir manchmal», sagt Ott. Hier in der Schweiz müsse er stets mit «bürokratischer Distanz» arbeiten. Auch die Spontaneität der Lateinamerikaner, die Unverplantheit, Flexibilität und Frustrationstoleranz vermisse er. «Hier in der Schweiz läuft alles reibungslos.» Er freue sich jedoch, wieder in der IZA eine Stelle gefunden zu haben. «Ich hätte mir aber auch eine Arbeit im sozialen Bereich vorstellen können.» Seine Motivation sei die Solidarität und die Verantwortung, die man übernehmenkönne: «Manmacht etwas Sinnvolles.»

Die Arbeit sei eineHerausforderung, in fachlicher und in persönlicher Hinsicht. Es seien viele Qualifikationen gefragt: So etwa die interkulturelle Sensibilisierung, Kompetenzen in der Kommunikation, im Qualitäts- und Wissensmanagement und im Sozialen. «Ich habe gelernt, ein Generalist zu sein.» (mry)

Porträt 2:

«Geld spielt keine Rolle»

Eli Weiss (29) beginnt ein Nachwuchsprogrammbei der Weltbank inWashington

Er ist jung, er weiss, was er will, und er hat die erste grosse Hürde seinerKarriere bereits geschafft: Der Berner Eli Weiss hat das erreicht, wovon viele junge Hochschulabsolventen träumen. In einem Monat tritt er seine neue Stelle bei der Weltbank in Washington an. Als «Junior Professional Officer» wird er während mindestens zweier Jahre für Projekte in Mexiko und Kolumbien zuständig sein. Finanziert wird das zweijährige Programm, das jungen Leuten ermöglicht, bei einer grossen Organisation der Internationalen Zusammenarbeit (IZA) Erfahrungen zu sammeln, vom Seco. Von diesem wurde Weiss auch ausgewählt – dieChancen, auf einem anderen Weg in eine so grosse internationale Organisation zu gelangen, wären für junge Leute sonst äusserst gering.

«Arbeitwird akademischer»

«Bei derWeltbank werde ich für die Projekte in Mexiko und Kolumbien arbeiten», sagt Weiss. Er werde für diese beiden Länder neue Strategiepläne erstellen und makroökonomische Studien machen. Das sei nun, nach einigen Jahren «im Feld», ein neuer Schritt: weg von der Basis, hin zur Büroarbeit, zuden Statistiken und zum theoretischen Arbeiten. «Meine Arbeit wird akademischer und ich werde weniger Einfluss haben und nicht selber vor Ort anpacken können. Das wird eine grosse Veränderung sein, aber sie bringt mich weiter.»

Als «Zivi» nach Peru

Seine Laufbahn in der IZA begann Weiss bereits während seines Wirtschaftsstudiums in Lausanne und Mexiko. Ein Professor bot ihm an, in einem Projekt der Deza und Intercooperation in Nicaragua im Bereich Mikrofinanzen mitzuwirken und seine Masterarbeit darüber zu verfassen. «Als ich zurück in die Schweiz kam, lag ein WK-Aufgebot auf meinemTisch», sagt Weiss vor den zahlreichen Zuhörern am Forum. Er habe daraufhin zum Zivildienst gewechselt und über Beziehungen einenneuen Einsatz in der IZA gesucht.

Bis er fündig wurde, arbeitete er als Trainee beim Bundesamt für Statistik. In acht Monaten Zivildienst und einem weiteren Jahr in Peru half er, ein am Schluss selbsttragendes Projekt aufzubauen, das Bauern und Kleinunternehmer beim Export unterstützt. Die Arbeit in der IZA sei spannend und faszinierend, sagt Weiss. Er interessiere sich sehr für die wirtschaftliche Entwicklung und arbeite gern mit unterschiedlichen Leuten zusammen, vom Kleinbauern über den Politiker bis hin zum Grossunternehmer. «Und man weiss, weshalb man arbeitet. Es macht alles einen Sinn.» Diese Genugtuung werde beim theoretischen Arbeiten vielleicht weniger spürbar sein.

«Manmuss flexibel sein»

Und die Zukunft? «Langfristig sehe ich mich eher hier in der Schweiz», sagt Weiss. Und fügt sogleich an: «Aber in diesem Business muss man flexibel sein.» So sei  beispielsweise kürzlich sein zukünftiger Arbeitsort von Bogota nach Washington verlegt worden. Wer in der IZA arbeiten wolle, müsse joborientiert, nicht landorientiert sein. «Man muss sich nach der Uni fragen: In welche Richtung will ich? Und dann soll man jeden Job in dieser Richtung nehmen – Geld spielt keine Rolle», rät er Newcomern. Auch sei es wichtig, Beziehungen und Freunde bei der Stellensuche in Anspruch zu nehmen und nicht immer nur die «BigPlayers» im Auge zu haben, sondern auch kleine Projekte, die auf Mandatsbasis der Grossen funktionierten. (mry)