Wenn Amors Pfeil durchs Netz schiesst...

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. . . trifft er nur gelegentlich - wie im richtigen Leben auch: Partnersuche via Internet boomt, beglückt und bricht einsame Herzen

Unzählige Singles suchen im Internet die grosse Liebe. Ob sie sie auch finden, hängt jedoch nach wie vor vom Zufall ab. Yuly und Andreas Kohli haben sich im Netz gefunden. Claudia Meyer zieht ernüchtert Bilanz.

Es begann am 26. Juli 2001. Andreas Kohli, wohnhaft in Niederwangen und seit einem halben Jahr Single, surfte im Internet, hielt Ausschau nach einer Partnerin. Es war sein 30. Geburtstag. Auf amigos.com stiess er auf eine «bezaubernde» Frau mit dunkelbraunen Augen und sanft gewelltem Haar. Er klickte ihr Lächeln an. Profil: Kolumbianerin, Verwaltungsangestellte und - genau wie er - am 26. Juli 1971 geboren. Er schrieb ihr ein Mail und gratulierte zum Geburtstag. Drei Monate später, im Flughafen von Bogotà, gab Andreas Yuly den ersten scheuen Kuss auf die Wange. Dann ging alles schnell.

«Ich sehnte mich nach Kolumbien, das ich vom Reisen gut kannte. Da dachte ich: Wenn ich schon nicht gehen kann, suche ich mir eben eine Bekanntschaft über Internet», erzählt Andreas. Yuly arbeitete viel und ging selten aus - eine Freundin hatte sie deshalb überredet, ihr Profil ins Internet zu stellen. Sie wurde mit Mails überschwemmt, doch es ergab sich nichts - bis jenes von Andreas kam. «Ich antwortete ihm, obwohl sein Foto schlecht war», erzählt sie und lacht. Sie sitzt auf dem sonnigen Balkon der Wohnung in Niederwangen, in die sie vor knapp vier Jahren - nur gerade 12 Tage nach dem ersten Treffen in Bogotà - mit dem ihr noch fremden und doch so nahen Mann gezogen war. Dem ersten Mail folgten täglich weitere, sie schickten sich Fotos, erzählten von Freunden und Familie. «Wir merkten schnell, dass da mehr war», sagt Yuly und sieht Andreas strahlend an. Wenn die beiden ihre Geschichte erzählen, so ist es, als erzählten sie ein Märchen. Etwas, das sich viele wünschen, aber nicht finden. Etwas, das viele nicht für möglich halten, aber trotzdem suchen: Die Liebe über Internet.

Der Boom der (virtuellen) Liebe

Die Partnersuche via Internet boomt, das Angebot für einsame Singles wird immer grösser. Es gibt auch Seiten für Teenies, solche für Betagte, für HIV-Positive, für Homosexuelle, für Leute, die nicht Liebe, sondern One-night-stands oder nur Freundschaften suchen. Laut Schätzungen der Anbieter besuchen täglich rund 200 000 Schweizer und Schweizerinnen Single-Börsen im Internet. Seit 2002 verdreifachten sich die Benutzerzahlen des Gratisportals singles.ch auf 30 000, Durchschnittsalter ist 34. Ähnliche Erfolge verzeichnen auch kostenpflichtige Anbieter wie swissfriends.ch.

Während die Hemmschwelle, sich im Internet den geeigneten Partner zu suchen, sinkt, steigt die Bereitschaft, mit der (virtuellen) Liebe zu spielen. Besonders Männer - sie machen drei Viertel der Anzeigen auf singles.ch aus - nutzten die Partnerbörsen oft aus, sagt Daniel Hauri, der singles.ch vor fünf Jahren gegründet hat: «Für viele Männer ist das Portal wie ein Weihnachtsbaum - sie wollen so viele Päckli wie möglich auspacken.» Auch «Spinner», die den Frauen unanständige Mails zuschickten, seien ein Problem: «Ein einziger Mann kann so hundert Frauen vom Netz vertreiben.»

Das Spiel mit der Liebe

«Viele Männer sehen das Ganze nur als Spiel und wollen gar keine feste Beziehung eingehen», sagt auch Claudia Meyer (Name geändert) aus Münsingen. Die Internetportale seien zwar eine gute Sache, denn man lerne schnell viele Leute kennen. «Vielleicht zu schnell», sagt sie. Ihr sei die Lust, die Liebe im Internet zu suchen, jedenfalls vergangen. Ein halbes Jahr lang hat sich die 27-Jährige nach der Auflösung ihrer langjährigen Beziehung auf Partnerbörsen registriert. Sie hatte immer wieder Dates, mit dem einen oder anderen Mann kam es zum Techtelmechtel. Es klappte jedoch nicht: «Entweder waren die Männer nicht mein Typ oder sie nahmen die Sache nicht ernst», sagt die Sachbearbeiterin. Die Erwartungen seien grösser als bei einem normalen Rendez-vous, «denn hier ist es beiden klar, worum es geht». Nach mehreren Enttäuschungen änderte Meyer die Strategie: Sie suche nun nach Freundschaften. Vielleicht lerne sie in einem neuen Freundeskreis eher einen Partner kennen als über die Suchkriterien im Internet. Denn: «Ich suchte Männer zwischen 25 und 35 Jahren. Vielleicht war der Richtige aber 36.»

Liebe lasse sich nicht über Datenbank-Kriterien steuern, sagt auch Jörg Eugster von swissfriends. ch, der grössten Dating-Seite der Schweiz. Trotzdem fänden viele Paare via Internet zueinander: Laut eigener Umfrage unter Swissfriends-Benutzern und Benutzerinnen waren es seit 2002 über 10 000 Paare, 800 haben geheiratet «und 547 Babys wurden dank Swissfriends geboren».

Die Tücke der Liebe

Auch bei Yuly und Andreas Kohli begann die Liebe mit dem virtuellen Spiel «Der gefällt mir, dieser nicht». Doch als Amors Pfeil am 26. Juli 2001 durchs Netz schoss, hat er die zwei getroffen. Für viele andere ging die Routinesuche am Computer mit den oft frustrierenden Blinddates weiter. Denn die Liebe ist tückisch. Auch im Internet.

[i] Die Liebe im Internet

findet sich auf folgenden Seiten (Liste unvollständig): singles.ch, swissfriends.ch, parship.ch, friendscout24.ch, partnerwinner.ch

Text: Manuela Ryter

Dieser Artikel erschien am 18. Juni 2005 im "Bund".