Viel Sonne, Sand und Schweiss

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Cool und braungebrannt sind sie. Doch von Easy-Life keine Spur: Die jungen Beachvolleyballer Mats Kovatsch und Jonas Kissling geben alles für den Sport und eine gute Ausbildung. Sie sind das erste professionell geförderte Nachwuchs-Beachvolleyteam der Schweiz - dank dem neuen Nationalen Leistungszentrum in Bern.

Etwas versteckt zwischen Quartierhäusern, Wald und Zuglinie befindet sich in Berns Südwesten das «Beachcenter», das Herz des vor einem Jahr gegründeten Nationalen Leistungszentrums (NLZ) für Beachvolleyball. Es riecht nach Sand und fast ein bisschen nach Meer.

Muskulöse Jungs trainieren auf dem Sand, ihr Spiel wird nur ab und zu von Anweisungen des Trainers unterbrochen. Flip-Flops liegen vor den Holztischen bei den drei Spielfeldern. In der erst vor wenigen Monaten eröffneten Beachvolleyball-Halle lädt ein riesiges Wandbild mit Palmen und Meer zum Träumen ein.

Mats Kovatsch (20) und Jonas Kissling (19) sind jedoch nicht zum Träumen hier. Am Abend vorher bestritten sie am Coop-Beachtour-Turnier im Zürcher Haubtbahnhof ihr erstes Spiel – und erreichten den ersten Sieg – dieser Saison. Endlich ist der lange Winter vorbei. Endlich können sie zeigen, wofür sie so hart gearbeitet haben.

Jonas Kissling (links) und Mats Kovatsch (rechts)

An diesem Abend werden sie gegen Laciga/Bellaguarda spielen. Gegen die Cracks der Schweiz. Es wird ein besonderer Match für die beiden (Fast-)Neulinge in der höchsten Profikategorie. Die Siegchancen sind klein. Die Chance, im Spiel gegen die Vorbilder etwas zu lernen, umso grösser. «Und wer sagt, dass wir nicht gewinnen?», fragt Kovatsch und blinzelt frech in die schwache Sonne.

Hartes Training am Strand

Braungebrannt und gut gelaunt sind die beiden jungen Spieler. Fürs Foto ziehen sie ein Shirt mit den Logos ihrer Sponsoren an. Denn was sie hier im Sand treiben, ist ernster, als es auf den ersten Blick erscheint. «Beachvolley hat ein falsches Image», sagt Kovatsch. Von Coolness will er nichts wissen. «Wir trainieren sehr hart, auch ein Trainingslager am Strand hat nichts mit Ferien zu tun.»

Das sieht man auch an ihrem Erfolg: Das Team hat sich in der zweiten Hälfte der letzten Saison innert kürzester Zeit einen Namen in der nationalen Beachvolley-Szene gemacht. Auf der Schweizer Rangliste rückten sie von Platz 30 auf Platz 6 vor. Und doch, räumt Kissling etwas verschmitzt bei: «Beachvolley ist schon nicht so stier wie Volley in der Halle.» An den Spielen sei jeweils eine fröhliche Stimmung, mit viel Musik, Party und Publikum. Ein bisschen Coolness gehört eben doch dazu.

Lernen und arbeiten statt ausruhen

Zwei bis vier Stunden Training pro Tag. Und in der Saison zahlreiche Spiele. Während sich ihre Kollegen des NLZ ausserhalb des Trainings aber ausruhen können, setzen sich die beiden Lehrlinge ins Büro, drücken die Schulbank oder lernen bis spätabends für ihre Prüfungen. Sie machen beide eine Leistungssport-Lehre, die es dank einem zusätzlichen Jahr erlaubt, Sport und Ausbildung zu verbinden.

«Die Belastung ist gross», sagt Kovatsch, der in diesem Sommer seine Lehre abschliesst. Sprüche von Bürokollegen, wenn er um drei von der Arbeit geht, hat er deshalb satt. Jene der Kollegen im Nationalteam, wenn er wegen Arbeit oder Schule zu spät ins Training kommt, ebenso. «Viele ahnen nicht, unter welcher Belastung wir stehen.»

Und trotzdem: «Es ist ein grosses Glück, dass wir hier in der Schweiz die Chance haben, unseren Sport auszuüben und gleichzeitig einen Beruf zu lernen», sagt Kissling. Und auch wenn sie für den Sport «auf sehr vieles verzichten» müssten – Freizeit oder Ausgang gibt es selten –, entschädige einen der Sport für alles: «Wir übernehmen Verantwortung und erleben Teamgeist, wir lernen, unter Druck Leistung zu erbringen und reisen um die ganze Welt – diese Erfahrungen könnten wir sonst nie machen.» Und ihre Freundinnen seien glücklicherweise auch Volleyballerinnen – und hätten Verständnis dafür, dass sie nur wenig Zeit für sie hätten.

Professionell gefördert

Das Duo Kovatsch/Kissling, das von Swiss Olympic mit einem Sport Scholarship Futureunterstützt wird, gilt als grösste Nachwuchshoffnung im Beachvolleyball. Genaugenommen sind sie überhaupt das erste so junge Nachwuchsteam, das in der Schweiz professionell gefördert wird. Denn erst seit Swiss Volley vor einem Jahr das NLZ gegründet hat, ist eine professionelle Beachvolleyball-Förderung überhaupt möglich.

Dies war auch höchste Zeit, denn während die Schweiz gleich mehrere Beachvolley-Teams an der Spitze hatte, zeichnete sich in den vergangenen Jahren hinter ihnen ein grosses Vakuum ab. «Das darf uns nicht noch einmal passieren», sagt Trainer Marc Gerson, der während vielen Jahren Profis wie Paul Laciga und Zeiler Köniz trainierte. Mit Kovatsch/Kissling hat die Schweiz nun wieder ein Team, das nach vorne prescht: An der U20-EM 2008 holten sie den 9. Rang, an der U-21-WM im vergangenen Jahr den 5. Platz. Ohne das NLZ wäre dies kaum möglich gewesen.

Strandfeeling draussen und drinnen: das NLZ in Bern. Rechts: Trainer Marc Gerson.

Höheres Niveau dank NLZ

Dank dem NLZ gibt es nun optimale Trainingsbedingungen für acht der insgesamt zehn Schweizer Beachvolleyball-Kaderteams: zwei Olympia-, drei National- und drei Nachwuchsnationalteams – alles Spieler, die Olympia-Potenzial haben, die sich den Profi-Status ohne NLZ aber nicht leisten könnten. Vorher war das Training unkoordiniert und die Spieler hatten nur ein einziges Hallen-Spielfeld in Winterthur zur Verfügung.

«Wir verbrachten Stunden auf der Autobahn. Diese Stunden können wir jetzt ins Training investieren», sagt Trainer Gerson. Jetzt haben die Spieler einen festen Trainingsplan und können erstmals auch im Winter auf Sand trainieren.

«Für uns ist es eine grosse Chance, hier mit den Besten trainieren zu können», sagt Kissling. Das Beachvolleyball-Niveau in der Schweiz sei durch das NLZ enorm gestiegen, «das erhöht auch den Druck auf die jetzigen Olympiateams». Auch Gerson sagt: «Kissling und Kovatsch sind mit Sicherheit weiter, als es unsere jetzigen Spitzenathleten in ihrem Alter waren.» Und hinter ihnen kämen weitere sehr guteTeams, die bereits täglich trainierten.

Rio de Janeiro 2016 wartet...

Ganz an der Spitze mithalten können «Koki», wie sich die beiden auf ihrer Webseite nennen, zwar noch nicht – «das braucht enorm viel Erfahrung und diese kann man nicht vorholen», sagt Kissling. Doch dass dies nur eine Frage der Zeit ist, daran zweifelt niemand. Sie sind ein eingespieltes Team, auf und neben dem Feld: Kovatsch, «der Chaot», und Kissling, «der Erwachsene», wie Gerson verrät. Als «Gambler», Spielertypen, bezeichnet er die beiden. «Sie lieben und geniessen das Spiel, sie sind keine ,Chrampfer’, die sich alles erkämpfen müssen.» Diese Gabe hätten nicht viele.

Und auch wenn London 2012 noch etwas zu früh für die beiden Talente kommt – die Strände von Rio de Janeiro warten auf sie. Denn mit Sonne, Sand und Samba spielt es sich halt doch besser. Schweiss und harte Arbeit hin oder her.  

Text und Bilder: Manuela Ryter

Dieses Porträt erschien am 6. Mai 2010 im Olympiablog von Swiss Olympic.