Im Tempo der Seele

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Als Familie mit dem Fahrrad durch den Süden Neuseelands – ein unvergesslich schönes Erlebnis

 

Neuseelands Südinsel ist einsam und abwechslungsreich. Wer hier mit dem Velo unterwegs ist, lernt Landschaft in ihrer ursprünglichen Form kennen – unverbaut, wild und unverhältnismässig schön.

Unwirklich und eine Spur zu leuchtend ist das Türkis des Lake Tekapo. Übertrieben die von Lupinen übersäte Weite, ein violettes Meer, das den Gletschersee umarmt. Viel zu blau der Himmel über den perfekt gepuderten Schneebergen am Horizont. Pathetisch und von gestochener Schärfe wie einer dieser modernen Animationsfilme in 3-D. Wir steigen aus dem kleinen Reisebus, schultern unsere zwei Kinder (eineinhalb- und knapp vierjährig) und laden unser Gepäck aus, das fast den gesamten Anhänger füllt: zwei Fahrräder, zwölf Taschen, ein Kinderanhänger. Dann schauen wir uns erst einmal um, blinzeln in die Sonne wie Häftlinge, denen gerade die Flucht gelungen ist. Überwältigt und unsicher, ob dies alles wirklich wahr ist.

Hier, an diesem unverschämt schönen Flecken Erde im Herzen von Neuseelands Südinsel, beladen wir unsere Fahrräder, setzen die Buben in den Chariot, montieren die beiden Fähnlein und fahren los. Hinaus in die Freiheit, hinein in die Natur, die uns in ihrer ursprünglichen Schönheit empfängt. Einige japanische Touristen blicken uns ungläubig hinterher.

Der Weg als Highlight

Drei Monate lang werden wir unterwegs sein, ohne Zeitplan und ohne Route, dafür mit Zelt, einer Ladung Windeln und genügend Proviant. Es ist Anfang Dezember, und der Sommer ist für Neuseeland ungewohnt mutig im Anmarsch. Noch schrecken wir bei jedem Auto, das uns überholt, auf. Viel Verkehr hat es nicht auf den meisten Strassen der Südinsel. Aber die Kiwis, wie sich die Neuseeländer liebevoll nennen, fahren schnell und sind Velofahrer nicht gewohnt. Sie bewegen sich lieber im Offroader als auf unmotorisierten Zweirädern.

Dabei hat die Südinsel dem Langsamreisenden viel zu bieten. Landschaften, die so schön sind, dass sie in Europa längst zugebaut wären, warten einsam auf Besucher. Hier ist der Weg das Highlight. Vielleicht ist dies der Grund, dass Rucksacktouristen und Reisende im Wohnmobil die Nordinsel mit ihren Vulkanen, Geysiren und Badestränden viel spektakulärer finden als die einsame, wilde Südinsel. Wer jedoch nicht nur auf der Jagd nach Sehenswürdigkeiten ist und sich fernab der Zivilisation wohl fühlt, ist im Süden glücklich.

Wir fahren durch die Berglandschaft, dem Mount Cook, mit seinen 3754 Metern der höchste Berg Neuseelands, entgegen. Wir beobachten, wie auf der «Mt Cook Alpine Salmon»-Farm Lachs heranwächst, und entdecken am Ende des schnurgeraden Lake-Tekapo-Kanals den neu erstellten «Alps 2 Ocean Cycle Trail». Der Radweg wird uns in den folgenden Tagen über zum Teil abenteuerliche Mountainbike-Strecken – es sind jene Teilstücke, die erst auf der Karte existieren – bis nach Oamaru ans Meer führen. Wir sind langsam unterwegs, und so suchen wir in der Natur einen geschützten Platz für unser Zelt. Als wir am Morgen am Ufer des Lake Pukaki erwachen, blicken wir ins Blaue – nur die weisse Bergkette der Southern Alps unterstreicht den Horizont zwischen Wasser und Himmel. So schön hätten wir uns Neuseeland nie zu erträumen gewagt.

Am Lake Ohau beenden wir die anstrengende Fahrt dem Kanal entlang. Kühl ist das Bad, befreiend die totale Einsamkeit. In Omarama stellen wir unser Zelt im Garten eines stämmigen neuseeländischen Ehepaars auf. Die Buben schlafen, während uns in der Stube zu einem Rotwein Geschichten und Fotos von Jagd- und anderen Abenteuern aufgetischt werden. In der Schlucht bei Ngapara schlagen wir die Heringe hoch oben auf einer leeren Kuhweide ein. Leicht beunruhigt darüber, ob nicht doch irgendwo hinter einer Kuppe ein Stier sein könnte, geniessen wir die Aussicht über die von Felsen durchzogene Gegend. An Heiligabend erreichen wir das Meer.

Das Velofahren wird zu unserem Alltag, die Natur zu unserem Zuhause. Wenn wir auf den einsamen Strassen dem Horizont entgegenfahren, entlang von Gletscherseen, durch bizarre Felslandschaften und über sanfte Hügel, werden wir euphorisch. Der steilste Berg wird überwindbar, der stärkste Gegenwind erträglich. Unsere Buben, schmutzig und mit verstrubbelten Haaren, beginnen sich in der freien Natur wohl zu fühlen. Kinder lieben Abenteuer. Und sie lieben Freiheit. Aber auch unser Blick wird offen, unser Kopf frei. Der Stress unseres Schweizer Alltags blättert ab wie alte Farbe.

Wir fahren von Oamaru der Ostküste entlang südwärts. Wir sind langsam unterwegs – im Durchschnitt fahren wir gut 40 Kilometer pro Tag. Den Rhythmus geben die Kinder vor. Und die Arbeiten, die Velofahren und Zelten mit sich bringen. Es dauert immer ewig, bis wir morgens wegkommen, bis die Velos bepackt, die Kinder gewickelt, gefüttert und eingecremt sind. Wer mit Kindern unterwegs ist, darf sich nicht zu viel vornehmen. Wir sind gezwungen, den Tag langsam anzugehen, möglichst keine Pläne zu schmieden und Ziele spontan zu ändern. Und wenn eine Nebenstrasse in einen mörderischen Highway mündet oder ein steiler Pass vor uns liegt, nehmen wir eben den Bus.

Abwechslungsreiche Strecke

Mit Rückenwind fliegen wir regelrecht durch die stürmischen Catlins ganz im Süden, wo Delphine in den Buchten auf Surfer warten, Pinguine die Zeltplätze bevölkern und Seelöwen die harschen Strände kontrollieren. Wo der Urwald die Nichtigkeit der Menschen demonstriert und Wind und Meer die Wucht der Natur unterstreichen. Wir kämpfen uns 150 Kilometer weit auf einer ehemaligen Zugstrecke – heute ist sie ein holpriger Veloweg – durch die kargen Weiten des Central Otago ins Landesinnere, bis nach Wanaka, das sich Schweiz von Neuseeland nennt.

Und wir fahren bei bestem Wetter die sonst so regenreiche Westküste empor, wo sich die nur wenig befahrene Strasse spektakulär zwischen Regenwald und den menschenleeren Sandstränden entlang der Tasmanischen See hindurch zwängt, bis sie in Kohaihai im Nichts endet.

Im Abel Tasman bei Nelson erwarten uns nach fast 1500 gefahrenen Kilometern goldene Badestrände, doch das Paradies, das wir wie Hunderte andere in einem kleinen Boot erreichen, erscheint uns nach drei Monaten im Sattel geradezu langweilig; die Touristen erschrecken uns. Uns wird klar: Wer reist, der sieht die Welt; wer mit dem Fahrrad reist, erlebt sie. Oder wie es ein von unserer Reise unendlich beeindruckter Schweizer Motorradfahrer auf einem Rastplatz an der Westküste nicht ohne Neid in der Stimme formulierte: Beim Fahrradfahren hat man exakt die richtige Geschwindigkeit, damit auch die Seele mitkommt. Wie wahr. Wie unglaublich wahr.

 

Diese Reisereportage erschien am 8. November 2013 in der NZZ

Text: Manuela Ryter, textbüro manuskript bern